Geschrieben von Beobachter

Fair Trade Wer profitiert wirklich davon?

Fair Trade Wer profitiert wirklich davon? Geschrieben von Beobachter

Text / Video: Martin Vetterli
Fotos: Till Müllenmeister/Laif


Kritiker sagen, die Fair-Trade-Bewegung vermarkte die Armut im Süden zum Wohl der Reichen. Doch fair gehandelte Waren können Entwicklungen anstossen, die über den Tag hinaus wirken – ein Augenschein im afrikanischen Tansania.

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Um sie geht es: um die Kleinbauern in Tansania

Fair Trade boomt. Weltweit hat sich der Handel mit Produkten, die unter fairen Bedingungen hergestellt wurden, vervielfacht. In der Schweiz, einem Fair-Trade-Vorzeigeland, sind die Zuwachsraten nach wie vor zweistellig. Der Jahresumsatz beläuft sich auf gegen eine halbe Milliarde Franken. Schweizerinnen und Schweizer konsumieren jährlich Fair-Trade-Produkte für rund 53 Franken. Wirklich durchgesetzt haben sich nur fair gehandelte Blumen und Bananen mit einem Marktanteil von über 50 Prozent. Bei Textilien liegt der Anteil bei unter einem Prozent.

Grösster Schweizer Produzent ist Remei aus Rotkreuz. Die Firma lässt von Vertragsbauern in Tansania und Indien Biobaumwolle anbauen und kontrolliert die gesamte Lieferkette. Mit Abstand grösster Abnehmer ist Coop (Naturaline). Remei liefert aber auch an Mammut, Globetrotter, Stöckli und Greenpeace. Vor einem Jahr lancierte die Firma mit dem deutschen Textilhändler Ragman OC Outfitters of Change.

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Hilft Fairtrade diesen Bauern?

Fair Trade ist in die Kritik gekommen, neu auch von ehemaligen Befürwortern. Der bekannteste ist der senegalesische Ökonom Ndongo Samba Sylla. In seinem Buch «The Fair Trade Scandal» schreibt er, Fair Trade sei nur noch ein Verkaufstrick. Man vermarktet Armut zum Wohl der Reichen. Fast der gesamte Profit bleibe in den Industriestaaten. Er hat praktisch keine Belege gefunden, dass Produzenten in den Entwicklungsländern dank Fair Trade aus der Armut herausgefunden haben.

Zu ähnlichen Schlüssen gelangt der britische Entwicklungsökonomieprofessor Christopher Cramer. Sein Team untersuchte während vier Jahren die Lebensbedingungen von Landarbeitern in Uganda und Äthiopien. Das Ergebnis: Landarbeiter verdienen bei Fair-Trade-Produzenten oft noch weniger als bei Produzenten ohne Zertifikat. «Konsumenten werden im falschen Glauben gelassen, dass es für arme Afrikaner einen Unterschied macht, wenn sie Blumen, Kaffee oder Tee mit Zertifikat kaufen», folgert Cramer.

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Was hat er vom Fair-Trade-Label?

Fair-Trade-Organisationen wehren sich gegen diese Grundsatzkritik. Es stimme nicht, dass Fair Trade zu einem Marketinginstrument verkommen sei, mit dem in Ländern wie der Schweiz überhöhte Preise durchgesetzt werden könnten. Aber es sei richtig, dass ein Gütesiegel wie Fair Trade Kosten verursache.

Katrin Dorfschmid von Max Havelaar sagt: «Die Zahlungen [von Fair-Trade-Prämien] haben sich in den letzten Jahren nicht reduziert, sondern erhöht. Einerseits werden die Mindestpreise und Prämienhöhen regelmässig angepasst, andererseits haben die unter Fair-Trade-Bedingungen abgesetzten Volumen sehr stark zugenommen.» Mit diesen Prämien werden Entwicklungsprojekte realisiert, über welche die Produzentenorganisationen selbständig und demokratisch entscheiden. Ein wirksames System, in das heute 1210 Produzentenorganisationen und 3000 Lizenznehmer eingebunden sind, verursache selbstverständlich Kosten. Aber: «Eine professionelle Organisation ist unabdingbar. Vor allem um sicherzustellen, dass das Geld und die Unterstützung durch Know-how dort ankommen, wo es ankommen soll, nämlich bei den Kleinbauern und Arbeiterinnen in den Entwicklungsländern.»

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Es geht auch ohne Label

Patrick Hohmann ist mit seiner Textilfirma Remei der bekannteste Schweizer Fair-Trade-Pionier. Die zusammen mit Coop aufgebaute Fair-Trade-Linie ist im Textilbereich weltweit ein Vorzeigeprojekt. Im Westen Tansanias bauen mittlerweile über 2100 Kleinbauern für ihn Baumwolle an. In Indien sind es rund 3500.

Als Hohmann 1991 mit Biobaumwolle begann, war er ein Exot. Zusammen mit Coop entwickelte er in den neunziger Jahren die Kleiderlinie Naturaline, die weltweit neue Standards setzte. 2005 stellte Hohmann vollständig auf bio um. «Ein hirnrissiger Entscheid, aber der einzig richtige», sagt er heute. Nur so sei es möglich gewesen, die Bioproduktion von Grund auf neu zu denken und ein Sozialunternehmen aufzubauen.

Jetzt, wo sich Patrick Hohmann altershalber auf das Verwaltungsratspräsidium zurückzieht, kontrolliert seine Firma Remei 10 Prozent des Weltmarkts für Biobaumwolle.
Vergangenes Jahr erhielt Hohmann den Schweizer Nachhaltigkeitspreis. «Er hat Tausenden von armen Bauernfamilien zu einem besseren Auskommen und würdigen Lebensverhältnissen verholfen», hiess es in der Laudatio.

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Aufbruch im Süden der Serengeti

Zwei unscheinbare Schilder an der Hauptstrasse bei Mwamishali zeigen es an. Hier steht das Zentrum von BioRe Tanzania, Hohmanns tansanischer Zweigfirma. Von hier aus wird das Unternehmen dirigiert. Zentral dabei: die Betreuung der Kleinbauern.

Die Vertragsbauern erhalten nicht nur eine 15-prozentige Bioprämie und die Garantie, dass ihnen die gesamte Ernte zu einem vereinbarten Preis abgekauft wird. Sie werden auch geschult und betreut. Ende der Saison bekommen sie ausserdem eine Bauernprämie, die im Schnitt rund 110 Franken beträgt. Das entspricht beinahe zwei durchschnittlichen Monatslöhnen in der Region.

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Bio- oder Subventionswirtschaft?

«Biologisch angebaute und fair gehandelte Baumwolle ist bloss eine Randnotiz. Mit nicht ganz einem Prozent Marktanteil ist sie kein relevanter Faktor im Welthandel», sagt der Schweizer Rohstoffhändler Laurent Nicodet. Vielleicht gehe es dank Fair Trade ein paar tausend Bauern besser, «aber für die grosse Masse ändert sich – leider – nichts». Nicodet, ein intimer Kenner der Szene, war lange Jahre in Afrika tätig und leitete Baumwollentkernungsfabriken. Heute arbeitet er beim Rohstoffriesen RCMA Commodities Asia. Der Einfluss von Bio und Fair Trade sei auch deshalb so klein, weil höchstens in superreichen Ländern wie der Schweiz der Mehraufwand abgegolten werde. Im Rest der Welt zähle allein der Preis. «Die Herstellung von Textilien ist ein Geschäft mit kleinen Margen. Den Unterschied machen meistens Bruchteile von Rappenbeträgen.»

In Tansania sei die Ausgangslage besonders hoffnungslos, seit der Markt in den neunziger Jahren privatisiert wurde. «Baumwolle wird hier nur noch angebaut, weil die Bauern keine andere Wahl haben», sagt der Rohstoffhändler. Selbst maschinengepflückte Baumwolle könne nur dank Subventionen, modernen Produktionsverfahren, künstlicher Bewässerung und grossem Einsatz von Pestiziden profitabel produziert werden. Baumwolle sei auf dem Weltmarkt schlicht und einfach zu billig, und die Kosten für den Anbau sind zu hoch – selbst für genveränderte Sorten, die höhere Erträge versprechen.

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Bio als Entwicklungskonzept

Fair-Trade-Pionier Patrick Hohmann sieht einen Ausweg aus der Subventionswirtschaft im Bioanbau: «Er taugt mehr, um die Armut in Ländern wie Indien und Tansania zu bekämpfen, als die immer wieder hochgelobte Gentech-Landwirtschaft.»

In einer Langzeitstudie liess er die Auswirkungen der unterschiedlichen Anbauformen für die Bauern untersuchen. Das Resultat der indischen Studie: Die Ernten fielen wegen Bio zwar 14 Prozent kleiner aus, aber gleichzeitig sanken die Produktionskosten um 38 Prozent. Wenn Bauern auf Pestizide verzichten und kein gentechnisch verändertes Saatgut einkaufen müssen, geht also für sie die Rechnung doppelt auf: Sie verdienen mehr und müssen weniger grosse finanzielle Risiken eingehen.

Video: Tansanische Bauern

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Das Problem mit dem Saatgut

«Gutes Biosaatgut zu beschaffen ist für uns zu einer Überlebensfrage geworden», sagt Hohmann. Die Entwicklung beschränke sich fast ausschliesslich auf genmanipulierte Sorten, die entsprechend teuer sind. Den Bauern bringen solche Sorten wenig: Sie verringern bestenfalls ihre Abhängigkeit von den Pestizidherstellern, geraten aber neu in die Fänge von Saatgutkonzernen wie Monsanto. Der Siegeszug der gentechnisch veränderten Baumwolle ist fast nicht mehr zu stoppen. Weltweit macht sie zwei Drittel der Produktion aus, in Indien gar 96 Prozent. In Tansania sind gentechnisch veränderte Organismen nicht zugelassen.

Zusammen mit Partnern aus der Schweiz lässt Hohmann in Indien Biosaatgut weiterentwickeln. In Tansania, wo ganz andere klimatische Verhältnisse herrschen und anderes Saatgut nötig ist, half das Glück mit. Ein befreundeter Winterthurer Baumwollhändler gab den Tipp, dass das Ukiriguru-Baumwollinstitut in Mwanza einen vielversprechenden Samen entwickelt habe. Er erhielt eine kleine Menge des Wundersamens, den er nun schon das zweite Jahr anbaut und vervielfältigt. Im Herbst wird er erstmals genügend Saatgut haben, um es an alle derzeit 2124 Kontraktbauern abzugeben.

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Segen und Fluch des Biosamens

Der neue Samen UKM08 ist ein Segen. Er verspricht Kleinbauern wie Gwesa Ndamayape nicht nur Ernten, die um bis zu 30 Prozent höher ausfallen. Auch die Qualität der Baumwolle ist deutlich besser: Die Fasern sind mindestens 28 und nicht mehr 25 Millimeter lang und können damit für höherwertige Textilien benutzt werden.

Wenn alles nach Plan verläuft und sich das neue Saatgut auch in Dürrejahren bewährt, werden die Kleinbauern fast doppelt so viel wie heute verdienen. Deshalb ist der neue Samen auch etwas Fluch: «Wir stehen vor dem wunderbaren Problem, dass der neue Samen unseren Bauern einen so grossen Zusatzverdienst bringt, dass unser bisheriges Entschädigungsmodell aus der Balance gerät», sagt Hohmann. Ende Jahr erhalten die Bauern eine Prämie. Sie beträgt 2,5 bis 4 Prozent des Firmenumsatzes, ist damit deutlich höher als der Firmengewinn. Im Schnitt der letzten Jahre belief sich die Prämie auf 670’000 Franken. Das macht pro Bauer 110 Franken, fast doppelt so viel wie ein durchschnittlicher Monatslohn in der Region. «Wenn wir den Bauern nun plötzlich 30 Prozent mehr Baumwolle abkaufen müssen, können wir die Bauernprämie nicht auch um 30 Prozent erhöhen.» Dann wäre die Firma faktisch pleite. Deshalb muss Hohmann nun versuchen, die Bauern von einem neuen Schlüssel zu überzeugen.

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Mehr als fairer Handel: Fair handeln

Abnahmegarantie, Bio- und Bauernprämien reichen nicht, um eine nachhaltige Entwicklung anzustossen in einem Land wie Tansania, wo der Durchschnittsverdienst mit 695 Dollar im Jahr 122-mal tiefer liegt als in der Schweiz. Deshalb hat Hohmann zusammen mit Coop 1997 das Hilfswerk BioRe gegründet. Dessen Jahresumsatz beläuft sich mittlerweile auf gut eine Million Franken. Gespeist wird es von festen Spenden der Geschäftspartner. Hohmanns Remei zahlte im Schnitt der letzten fünf Jahre 133’000 Franken ein.

Im Zentrum steht die Förderung der biologischen Landwirtschaft, unterstützt werden aber auch Schul- und Trinkwasserprojekte. So hat BioRe in Tansania und Indien bis heute 77 Brunnen gebaut, die 24’000 Menschen mit Trinkwasser versorgen, und 26 Wassertanks für über 10’000 Schüler und Lehrer. BioRe fördert beispielsweise auch den Anbau von Artemisia-Pflanzen, einem natürlichen Malaria-Medikament. Oder unterstützt mit Krediten Aufbauprojekte für Näherinnen und hat den Bau einer Presse für Sonnenblumenöl finanziert.

Prinzip Selbsthilfe: Die Näherinnen von Bulyashi

Vor zwei Jahren haben sich im 3800-Seelen-Dorf Bulyashi ein paar Frauen zu einer kleinen Näherinnen-Kooperative zusammengeschlossen, darunter Angela Bida. «Mitzumachen war ein guter Entscheid», sagt die 27-jährige Mutter zweier Kinder. «Wir können nun auch während der Trockenzeit etwas dazuverdienen. Das gibt mir und meiner Familie mehr Sicherheit. Wir sind jetzt nicht mehr nur von der Ernte abhängig.»

Die Kooperative gibt es nur dank der BioRe-Stiftung. Sie hat in die Frauen investiert, das Nähhaus und die fussbetriebenen Nähmaschinen bezahlt. Die Frauen müssen nun 70 Prozent des Kredits zurückzahlen. Das ist nicht so einfach, wie sich jetzt zeigt. Die Geschäftsgrundlage bildet das Nähen der Säcke für die Baumwolle; ein sicheres Geschäft. Und die Schuluniformen, wie sie in ehemaligen britischen Kolonien üblich sind: blauer Jupe oder blaue Hose plus die obligate weisse Bluse. Doch das Geschäft mit den Schuluniformen und Kinderkleidern laufe etwas harzig, erzählt Bida. «Es liegt mehr drin. Wir könnten mehr Kleider nähen, können sie aber nicht schnell genug verkaufen.» Deshalb wollen sie nun auch auf Märkte gehen, die viel weiter weg von ihrem Dorf liegen. Das wäre gut. Denn in der Kasse der Kooperative liegen derzeit nur 260’000 Schilling, 136 Franken. Und die Investitionen in Haus und Nähmaschinen sind noch nicht abbezahlt.

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Näherinnen bei Sunflag in Arusha

Martin Vetterli

Im Lande verarbeiten: Die Produktionskette kontrollieren

Fair Trade hört nicht auf dem Feld auf. Es geht auch darum, dass der Rohstoff Baumwolle unter fairen Bedingungen zu Kleidern verarbeitet wird. Und dass dies möglichst in den Anbauländern geschieht. In einem Baumwollland wie Tansania, in dem vier von zehn Menschen direkt oder indirekt von der Baumwolle abhängig sind, wäre dies besonders wichtig. Die Realität ist eine andere: 80 Prozent der Baumwolle werden unverarbeitet exportiert. Mit der Folge, dass 90 Prozent der Profite im Ausland anfallen.

Patrick Hohmann setzt auch hier einen Kontrapunkt. Er lässt mittlerweile 600 Tonnen Baumwolle in Arusha am Rande der Serengeti verarbeiten: bei Sunflag, einem der letzten grossen Textilbetriebe in Schwarzafrika, der die GOTS-Richtlinien für eine ökologische und sozial verantwortliche Textilproduktion erfüllt. Die Baumwolle wird hier gesponnen, gewoben, gefärbt und ausgerüstet. Natürlich arbeiten im 2700-Personen-Betrieb auch Näherinnen, die mit 80 Dollar Anfangslohn nicht viel mehr als den gesetzlichen Mindestlohn verdienen.

Sunflag kämpft derzeit mit einem Problem: den Kosten. So aberwitzig es klingt, aber die Produktionskosten sind im Tiefstlohnland höher als beispielsweise in der Türkei. Denn Sunflag muss nicht nur die vielen Stromausfälle verkraften, sondern auch mit dem in die Jahre gekommenen Maschinenpark kämpfen. Die Spinnmaschinen produzieren zu langsam, der Faden ist nicht regelmässig genug, die Webmaschinen sind nichts für raffinierte Stoffe, die immer stärker gefragt sind.

Der Ausweg aus der Krise: Sunflag muss auf tiefere Qualität setzen und stärker für den schwarzafrikanischen Markt produzieren.

Umfrage: Wie viel für ein T-Shirt?

Lesen Sie die vollständige Titelgeschichte zum Thema «Fair Trade – Fair für wen?» in der aktuellen Ausgabe des Beobachters. Weitere Themen des Hefts sind das Museum für gescheiterte Beziehungen in Basel, Bäume als Zeitzeugen und wie Sie mit wenig Geld zum eigenen Garten kommen.

Ab Freitag, 17. April, am Kiosk, im Abo oder als E-Paper erhältlich.

  Kommentare ( 2 )

  1. Fairtrade: Dünne “Wahrheit”

    Die “Wahrheit über Fairtrade” zu behaupten, in dem man sich nur auf das polemische Buch von Sylla und eine einzige weitere Studie abstützt, zeugt von schlechter Recherche. Es gibt genügend unabhängige Studien, die zeigen, dass Fairtrade wirkt. Diese zu ignorieren und einseitig von “Misserfolg der Fairtrade-Bewegung” zu sprechen hemmt den fairen Konsum und schadet letztlich den Armen.

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